Brigit Wyss: «Wir sind stolz auf die direkte Demokratie und geübt, mitzuentscheiden.»

Regierungsrätin Brigit Wyss hält fest, dass die Schlagzeilen über Lohn- und Boni-Exzesse oder über problematische Produktionen der Wirtschaft pauschal ein eher kritisches Zeugnis ausstellen. Konkret erlebe sie aber, dass Mitarbeitende stolz auf ihr Unternehmen seien.

Regierungsrätin Brigit Wyss, vergangene Abstimmungen zeigen, dass die Stimmberechtigten eine eher ablehnende Haltung gegenüber der Wirtschaft haben. Wie schätzen Sie das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Gesellschaft ein?
Die Wirtschaft hat – wie andere Bereiche auch – zunehmend Mühe, Zusammenhänge aufzuzeigen. Schlagzeilen über Lohn- und Boni-Exzesse oder über problematische Produktionen stellen der Wirtschaft pauschal ein eher kritisches Zeugnis aus. Konkret aber erlebe ich, dass Mitarbeitende stolz auf «ihr» Unternehmen und gerne für ihren jeweiligen Arbeitgebenden tätig sind.

Gemäss der aktuellen gfs-Studie «Sorgenbarometer» sagt eine Mehrheit der Bevölkerung von sich, dass es ihnen sehr gut oder gut geht. Ist das Vertrauen der Schweizerinnen und Schweizer in die Politik und Wirtschaft doch grösser, als einzelne Abstimmungen vermuten lassen?
Der weiter zunehmende Individualismus führt oft dazu, dass persönliche Erfahrungen ausschlaggebend sind für das Stimmverhalten. Dazu kommt, dass die nötigen sachlichen Diskussionen immer härter und damit polarisierender geführt werden. Wenn wir aber einen Schritt zurückmachen, dann wird uns allen sehr schnell bewusst, dass es sich in der Schweiz sehr gut leben und arbeiten lässt.

 

Brigit Wyss, Vorsteherin Volkswirtschaftsdepartement

«Wertschätzung und Vertrauen können nur entstehen, wenn offen, transparent und auf Augenhöhe diskutiert wird.»

 

Ist das Stimmvolk bei Abstimmungen kritischer als im Alltag?
Das glaube ich nicht. Wir sind stolz auf die direkte Demokratie und geübt, mitzuentscheiden. Es ist nicht immer ganz einfach, sich in die vielen und sehr unterschied-lichen Themen einzulesen und die damit verbundene Informationsflut zu bewältigen. Es ist deshalb die vordringliche Aufgabe der Politik und aller Interessierten, Zusammenhänge verständlich aufzuzeigen.

Heute reden alle – Arbeitgebende, Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften – von Wertschätzung und Vertrauen. Wird genug gehandelt?
Es wird viel geredet, aber auch gehandelt. Wir sollten uns gegenseitig besser zuhören und nicht gleich mit fixfertigen Positionen auftreten. Wertschätzung und Vertrauen können nur entstehen, wenn offen, transparent und auf Augenhöhe diskutiert wird.

Die Wirtschaft wird oft auch für soziale und für ökologische Probleme verantwortlich gemacht. Wie müsste der Dialog zwischen Wirtschaft und Gesellschaft gestaltet werden, um mehr Vertrauen zu schaffen?
Wirtschaft sind wir alle und entsprechend sind wir alle von den sozialen und ökolo- gischen Problemen betroffen. Die Nachhaltigkeit ist oft erst eine Absichtserklärung. Nur in einem ehrlichen Dialog zwischen Wirtschaft und Gesellschaft können wir das ändern und unser Leben nachhaltiger gestalten.

Erst die Corona-Pandemie und nun die Invasion in der Ukraine – das sind grosse Belastungen für die gesamte Volkswirtschaft – für KMU wie für Individuen. Muss die Solothurner Bevölkerung Angst vor Teuerung und Arbeitslosigkeit haben?
Krisen dieses Ausmasses sind wir in der Schweiz seit Jahrzehnten nicht mehr ge- wohnt; sie verunsichern uns und können Angst machen. In der Coronakrise hat sich aber gezeigt, dass die Schweiz über die nötigen Ressourcen verfügt, um die Folgen einer Krise gezielt und schnell abzufedern. Diesen Handlungsspielraum werden wir auch in Zukunft nutzen können, wenn sich die Rahmenbedingungen stark verändern.

Und last but not least, beweist die ganze Schweiz Solidarität. Der Bundesrat spricht Sanktionen aus. Der Kanton stellt Geld zur Verfügung. Privatpersonen nehmen Flüchtlinge auf. Ist das der Beweis einer intakten Volkswirtschaft?
Der Krieg in der Ukraine erschüttert Europa in jeder Hinsicht. Die grosse Solidarität und Hilfsbereitschaft in Europa aber insbesondere auch in der Schweiz sind toll und ein wichtiges Zeichen der Bevölkerung für den Wunsch nach Frieden. <